Hausärzte  Horstmar      Dr. Reinhard Stahl   Armin Sarkhosh

Königstraße 8   48612 Horstmar  Tel. 02558  537

Haus        Eichenwald

 

Eichenwald

 

Ausstellung 2002

 

Das geschichtsträchtige, unrenovierte und leerstehende Haus Königstraße 8 in ein öffentliches Licht zu stellen, war der Gedanke, der mich dazu führte, Künstler anzusprechen, ob sie sich auf dieses Gebäude einlassen könnten. So entstand langsam und nachdenklich - der Zweifel ist der Kunst ja eigen - die erste Ausstellung in diesem Gebäude: "Eichenwald". Der Name der jüdischen Familie, die bis zur Deportation in Konzentrationslager bis 1939 hier wohnte, gab der ersten Ausstellung, die am dritten Oktober 2001 eröffnet wurde, den Titel.

Zuerst danke ich Jupp Ernst und Michael Edelmann für ihre künstlerische Kraft, mit der sie das Haus füllten.

 

 

 

Eichenwald - ein Redebeitrag

 

 

Wir eröffnen heute die Ausstellung "Eichenwald", eine Ausstellung über Geschichte,  Geschichte im Allgemeinen, Geschichte im Besonderen - doch ohne auf das Besondere und Allgemeine im Besonderen genau einzugehen - oder vielleicht doch? Hier gehen zwei Künstler künstlerisch mit Geschichte um, etwas direkter der eine, etwas distanzierter der andere; und deswegen werden hier zwei Diskussionsmöglichkeiten angeboten, aber doch auf gleicher inhaltlicher Wellenlänge. Und es ist in der Tat notwendig, die Geschichte dieses Hauses, das unter anderem einmal der jüdischen Familie Eichenwald gehörte, aufzugreifen, wird doch in einem ziemlich merkwürdigem, gleichwohl offiziösem Papier, das nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich verquast ist, der denkbar unglückliche Versuch unternommen, die Geschichte des Hauses und ihrer Familien niederzulegen. Mit einer solchen Geschichtsklitterung, wird man kaum der Leiden der Menschen jüdischen Glaubens gerecht, die dieses Haus einmal bewohnt haben, es wird vielmehr relativiert. In einem Raum dieser Ausstellung - beide

Künstler sind in ihm mit Arbeiten vertreten - wird, so glaube ich, focusiert, was in allen anderen Räumen an unterschiedlichen Facetten, Hintergründen,  berlegungen, Inszenierungen zur Geschichte dieses Hauses und seiner Bewohner dargestellt und künstlerisch diskutiert wird. Und dies auf mehreren Ebenen: inhaltlich, formal, ästhetisch, historisch.

Mitten in diesem Raum ein aus zufällig gefundenen Baumaterialien aus diesem Haus aufgeschichteter sockelartiger weißer Katafalk, stufig und oben mit einer gespaltenen Eiche sargdeckelartig abgeschlossen. Eine Arbeit von Jupp Ernst, der hier eine "Sockelidee" von Michael Edelmann aus anderen Räumen aufgreift, also in Dialog mit ihm tritt. Dort - in den anderen Räumen - finden sich alte Koffer auf steinernen Sockeln. Wer musste aus diesem Hause verreisen? Verreisen wohin? Verreisen warum?

An der Seitenwand ein querformatiges Bild von Michael Edelmann, in putzartiger und putzfarbener Struktur, die wir auch an manchen Wänden in  diesem Haus finden, in einem Haus der eigentümlichen wie erschreckenden Wandlungen und Verwandlungen. Ein Bild, zentral in ihm positioniert ein Körperschatten, lang ausgestreckt und fast körperlos flach, fast gesichtslos grau, fast nur noch ein aschfarbener Hauch: "Husch, da fiel's in Asche ab." Und hinterlässt noch Spuren, hinterlässt doch Spuren,Auch wenn der Katafalk leer und mit einer deutschen Eiche, dem Symbol tümelnder Geschichtsverschleierung, abgedeckelt ist:

Deutschland, Deutschland über alles ..... wächst kein Gras, wachsen keine Eichen.

Fast zu übersehen, rechts neben der Tür, zwei schmale Rahmen parallel gehängt, hell, aus Holz, doch ohne Bild? Doch mit Bild! Ein "Blick auf das Wand-Bild" konzentriert unsere Augen auf Schichten von Papier, Zement, Kalk und Staub. Geschichten, Geschichte und Geschichtetes auf wenigen Millimetern. Geschichte dieser Bewohner, Geschichte dieses Hauses, Geschichte dieser Straße, Geschichte dieser Stadt, Geschichte dieses Deutschlands. Wer hat welche Schicht geputzt? Wer hat welche Schicht gestrichen, gespachtelt, geklebt?

Geschichte erzählt Geschichten. Dieser Raum, dieser gemeinschaftlich künstlerisch gestaltete Raum, erzählt viele Geschichten. Reale und vermeintlich irreale. Aber auch die vermeintlich irrealen sind hunderttausendfach

irreale Realität geworden. Hundertausendfach?

Geschichte zu begreifen ist schwierig, Geschichten zu begreifen ist uns näher. Dieses Haus kann Geschichten erzählen. Die ersten Absätze haben Jupp Ernst und Michael Edelmann mit ihrer Ausstellung "niedergeschrieben", zu Ende erzählen müssen die Betrachter. Und sie werden dann - da bin ich mir sicher - zu dem Schluss kommen, dass die Menschen dieses Hauses, die Namen hatten,

die Gesichter hatten, nicht, ich zitiere, "aufgrund der politischen Entwicklung in Deutschland" haben Horstmar verlassen müssen, sondern weil sie von Deutschen totgemacht werden sollten und wurden durch industrielle und logistische Präzision: Made in Germany. Und dann sind die Besucher dieser Ausstellung mit ihren Geschichten über dieses Haus mitten in Geschichte, auch in der eigenen.

Es ist den Spurensuchern Jupp Ernst und Michael Edelmann zu danken für ihr schwieriges Unterfangen, Geschichte und Geschichten losgetreten zu haben, im Allgemeinen und im Besonderen, mit einer Ausstellung, die etwas Besonderes ist im zu Allgemeinen und im allzu Gemeinen.

 

 

Martin Rehkopp ( 2002 )                                                                                                                          nach oben

 

historisches